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Ein fragwürdiges Monopol: Warum Wikipedia-Kritik notwendig ist

Einige Überlegungen zur gesamtgesellschaftlichen Verantwortung der Wikipedia.
Von WikiManufaktur-Gründer Werner J. Grütter.

Monopolisten sind unbeliebt. Ob Google, Microsoft oder die Telekom: wer den Markt beherrscht, muss mit massiven Anfeindungen rechnen. Es gibt nur eine Ausnahme: die Wikipedia.

Die Enzyklopädie hat immer noch den Ruf eines idealistischen Basisprojekts. Wikipedia zehrt von ihren wilden, chaotischen Anfangsjahren – dabei hat sich das Lexikon inzwischen ein Monopol aufgebaut, von dem selbst Google nur träumen könnte. Nicht nur, dass sie bereits die meisten großen traditionellen Printlexika verdrängt hat. Sie verhindert auch durch ihre bloße Existenz die Entstehung von Alternativen im Onlinebereich – denn wer würde sich die Mühe machen, sämtliche Artikel, von der Stubenfliege bis zu Karl dem Großen, neu zu verfassen, wo es doch bereits Wikipedia gibt?

Ein Unterfangen wie Wikipedia konnte nur einmal gestartet werden. Zehntausende Autoren, die Millionen unbezahlte Arbeitsstunden in eine Enzyklopädie investieren – das funktioniert nur beim ersten Mal. Eine zweite Wikipedia, ein Konkurrenzprojekt, wird es nicht geben. Die größten deutschsprachigen Alternativprojekte stecken bei einigen zehntausend Artikeln fest – im Vergleich zu über zwei Millionen Seiten auf Wikipedia.

Der marktbeherrschende Anbieter entzieht sich somit auf paradoxe Weise dem Markt. Jeder kann ein Unternehmen gründen, das Google oder Amazon Konkurrenz macht – sofern er über bessere Konzepte verfügt. Auch Google hat klein angefangen und Riesen wie Yahoo in die Ecke gedrängt. Einzig dank der überlegenen Suchalgorithmen und der besseren Geschäftsidee wurde aus dem kleinen Startup die wertvollste Marke der Welt. Wikipedia dagegen zehrt von einem Kapital, auf das kein Konkurrent zurückgreifen kann: den Idealismus einer ganzen Generation.

Aus diesem Grund ist die Wikipedia eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit. Die Autoren der Wikipedia beeinflussen gesellschaftliche Wertvorstellungen, den Zugriff auf Informationen, das Schicksal von Personen des öffentlichen Lebens. Das Lexikon ist nicht ihr Privatprojekt (auch wenn viele das gerne so sähen), und es ist auch nicht »neutral« – obgleich die Wikipedia-Regeln eigentlich Neutralität fordern. Doch es gibt keine »Neutralität«. Jede Übermittlung von Informationen schließt deren Interpretation mit ein. Man nennt das den »hermeneutischen Zirkel«.

Der Wikipedia-Autor »Neon02« beschreibt in einem Aufsatz aus dem Jahr 2011 die Sachlage wie folgt:

Das Hauptproblem ist die jetzige Definition von »NPOV« (Neutral Point of View - Neutraler Standpunkt). Wikipedia-Gründer Jimmy Wales hat sich bei der Aufstellung dieses Prinzips an einem eng positivistischen Wahrheitsbegriff orientiert, der in den Naturwissenschaften noch akzeptabel sein mag, aber in den Sozialwissenschaften, wo soziale Interessen Forschungsprogramme und Erkenntnisse beeinflussen, große Probleme bereitet. Nicht zufällig drehen sich die großen Methodendebatten in der Soziologie um Fragen der möglichen oder unmöglichen Werturteilsfreiheit.

Da in Wikipedia abgestritten wird, dass sozialwissenschaftliche Erkenntnisse immer auch durch bestimmte soziale Interessen beeinflusst werden, können diejenigen Benutzer, deren Meinung mit dem gerade existierenden Mainstream übereinstimmt, behaupten, sie verträten die reine Wahrheit, während alle anderen »POV-Pusher« oder »Men on a Mission« seien, die von Wikipedia ferngehalten werden müssen. Nur derjenige, der aus der Position der gesellschaftlich dominierenden Ideologie bzw. des dominierenden Wissens spricht, also der Doxa im Sinne von Bourdieu, kann diesen Vorwurf äußern.

Das bedeutet, dass sich in den Artikeln langfristig diejenigen Positionen durchsetzen werden, die in der Gesellschaft gerade dominant sind. Allerdings noch nicht einmal in der Gesamtgesellschaft, sondern in der Gruppe der Wikipedia-Autoren, also vor allem der jungen, gut gebildeten, männlichen Naturwissenschaftler. Sie stellt die meisten Benutzer und Administratoren. Während die Enzyklopädie von Diderot und d'Alembert die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit noch kritisierte, trägt Wikipedia dazu bei, die gerade herrschende Ordnung zu legitimieren.[1]

Etwas polemischer formuliert heißt das: Die Wikipedia missbraucht ihre Marktmacht, um der Gesellschaft die Interessen einer kleinen Gruppe aufzudrücken und abweichende Positionen zu sanktionieren. Das hat nun mit Idealismus nicht mehr viel zu tun.

Da die Öffentlichkeit weiterhin ein ganz anderes, wesentlich freundlicheres Bild von der Wikipedia hat, ist es ein äußerst schwieriges Unterfangen, den Monopolisten zu kritisieren. Kritik an Facebook oder Google wird immer auf offene Ohren stoßen – Kritik an der Wikipedia hat es schwer.

Der Fall eines Bundestagsabgeordneten, der 2008 den Trägerverein Wikimedia Deutschland verklagte und anschließend in der Öffentlichkeit einem beispiellosen Shitstorm ausgesetzt war, welcher letztlich zum Ende seiner Politikerkarriere führte, zeigt, dass rechtsstaatliche Mittel kaum eine Option sind. Die Verdrängung von Wikipediaseiten von den oberen Plätzen der Google-Suche ist ebenfalls ein äußerst aufwendiges, kostspieliges und in den meisten Fällen auch erfolgloses Unterfangen.

So bleibt die effizienteste Möglichkeit, sich selbst zu helfen und die Wikipedia mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Dass viele Wikipedia-Autoren es nicht gerne sehen, wenn Agenturen an Artikeln mitschreiben, ist vor diesem Hintergrund zweitrangig. Ein Portal, das für sich die Auswahl und Interpretation des gesellschaftlich relevanten Wissens in Anspruch nimmt, muss es ertragen, dass die Gesellschaft die Regeln, die sie selbst betreffen, mitdefiniert.

Vor ein paar Jahren hat der Wikipedia-Autor »Schlesinger« eine recht negative Zukunftsvision für die Wikipedia entworfen:

Die enzyklopädische Pubertät scheint überwunden zu sein, die seriösen Autoren sind in die Jahre gekommen. (…) Die zukünftige Arbeit in der Wikipedia wird hauptsächlich Routine sein, Artikelverwaltung, effektive Troll-, Vandalen- und Reklameabwehr, Ausbau des Bestehenden zur Exzellenz. Man wird sich aber auf immer weniger neue Autorenzugänge einstellen müssen. Der Reiz des geheimnisvoll Chaotischen ist verflogen. Vielleicht finden pensionierte Wissenschaftler irgendwann den Weg zu ihr. Das würde passen, denn in zehn Jahren wird Wikipedia sehr alt sein und allein dastehen.

Ich denke: Nein, die Wikipedia muss nicht alt und allein dastehen. Sie könnte so jung und dynamisch sein wie in ihren Anfangsjahren, wenn sie sich nur von illusorischen Selbsttäuschungen befreien könnte, sich für vielfältigere Formen der Mitarbeit öffnen würde und ihrer Verantwortung vor der Gesellschaft wieder neu nachkäme.

Hintergrund

65 Prozent der Deutschen nutzen Wikipedia. Bei den 30–49jährigen sind es 79 Prozent, bei den 14–29jährigen sogar 94 Prozent.

52 Prozent der Studenten halten die Inhalte der Wikipedia für verlässlich oder sehr verlässlich.

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